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Mutzi und der Wasserhahn

6. April 2010

Der Plan war gut. Ich würde den blöden Wasserhahn in der Küche abschrauben und den guten Wasserhahn aus der alten Wohnung dranschrauben und dann könnte ich meine Töpfe in die Spüle stellen ohne an den blöden Wasserhahn hängenzubleiben. Der Plan würde nicht an meinem handwerklichen Können scheitern, denn ich hatte bereits den guten Wasserhahn samt Überdrehungssperre (richtigrum!) und Zuflussverlängerung in der alten Wohnung eingebaut. Ich kenne die Tücken der Unternehmung, den Unterschied zwischen normalem Wasserhahn und dem Niedrigdruck-Wasserhahn (auch bekannt als „der falsche Wasserhahn“) und besitze Verlängerungen die ich nie mehr brauchen werde aber vielleicht doch.

Ich hebe diese Dinge auf, die ich nicht brauchen werde aber vielleicht doch. Auch den falschen Wasserhahn habe ich aufgehoben, nur für den Fall. Also habe ich den richtigen, den guten Wasserhahn ebenfalls aufgehoben, beim Umzug in eine Kiste gepackt und werde in den Keller gehen, die Kiste mit dem Decknamen „bringen wir gleich in den Keller, so wie es ist“  öffnen, den guten Wasserhahn holen und alles wird gut. Denkste Puppe.

Ja wo ist er denn, der Wasserhahn? Er ist nicht in der Kiste im Keller, er ist nicht in der Kiste mit dem Abflussrohr, das ich aufgehoben habe, für den Fall. Auch der falsche, der Niedrigdruck-Wasserhahn ist weg. Oder nicht mehr da. Vielleicht auch nie da gewesen.

Finde ich ihn nicht oder ist er gar nicht hier? Nachdem ich jede Kiste und Truhe und Ecke umgegraben habe, beginne ich zu glauben, dass ich ohne diesen Wasserhahn umgezogen bin. Ich kann mich einfach nicht erinnern. Um mich gar nicht erst erinnern zu müssen, hebe ich meistens jeden Scheiß auf und sollte eines Tages der Fall der Fälle eintreten, finde ich dieses aufgehobene Zeug meist auch wieder. Schwierig wird es, wenn man nicht mehr weiß, ob man das Zeug nicht etwa in einer Rage tatsächlich mal hat verschwinden lassen auf die eine oder andere Art. So eine Rage war vielleicht vor dem letzten Umzug eingetreten, vielleicht hat jemand einen Wasserhahn gebraucht oder der Wasserhahn geriet irrtümlich auf den falschen Stapel und ward Sperrmüll.
Für mich ist es unfassbar, wie jemand einen vollkommen intakten Wasserhahn wegschmeißen kann, aber es soll Leute geben, die sowas tun. Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, vielleicht hat der Verlust des Wasserhahns eine Amnesie ausgelöst, ich weiß es einfach nicht mehr, was aus dem Wasserhahn geworden ist und warum. Sollte ich den Wasserhahn tatsächlich weggeworfen haben, musste Rage im Spiel gewesen sein. Oder ein Jäger. Ein Zeug-van-Helsing.

Am Anbeginn der Zeit herrschte ein Gleichgewicht zwischen dem Wild und den Beeren und den Jägern und Sammlern. Das Wild ward rar, die Beeren auch, der Trieb blieb und die Jäger und die Sammler brauchten neue Beute.  Die Sammler heben Dinge auf, die sie nicht brauchen aber vielleicht doch. Die Jäger jagen die Sammler. Die Sammler, nicht gerade kämpferisch, sind in der Defensive und können nur reagieren. Daher müssen sie stets, Argument bei Fuß, bereitstehen zur Verteidigung ihrer Habe.

Sollten Sie das nächste Mal dastehen und mit dem Jäger diskutieren, empfehle ich folgende Technik. Versuchen Sie die Diskussion so zu steuern, dass die letzte Aktion, als Sie versucht haben, die billige alte Tasse mit dem abgebrochenen Henkel zu verteidigen, diesmal nicht gegen Sie verwendet werden kann. Konzentrieren Sie die Diskussion auf das Objekt, das lenkt den Jäger ab. Personenschaden ist zu vermeiden.  Versuchen Sie vorab die Verwendung von Sätzen, in denen die Wörter „Du“ und „immer“ gemeinsam auftauchen, einzuschränken. Auch „wegen Dir“ ist zu vermeiden. Einigen Sie sich schon im Vorfeld mit Ihrem Sparringspartner über Ihre mentale Gürtellinie.

Es steht Wille gegen Wille, die henkellose Tasse ist der symbolische Preis, wir wollen einen fairen Kampf sehen.

Weil es nicht kaputt ist, guck, nur der Henkel ist ab. Kann man bestimmt noch gebrauchen. Schön ist es auch. Nein, ich möchte es nicht an die Wand hängen. Du wirst schon sehen, wie ich daraus Kaffee trinke, am allerliebsten trinke ich aus henkellosen Tassen. Die anderen Tassen haben nichts damit zu tun. Wir hatten zwanzig Tassen, da hat es niemanden gestört. Jetzt sind es neunzehn mit Henkel und eine ohne. Zwanzig Tassen, wo ist das Problem? Nein, die ist nicht kaputt, nur der Henkel ist ab. Na ich. Brauchen? Tun wir im Grunde nur sechs. Diese? Natürlich, zum Eier aufschlagen. Sicher. Das Beste. Bei den anderen sind die Henkel nur im Weg.

Der Kampf ist von Anfang an bedeutungslos. Es ist ein Sport. Vergessen Sie nicht, Sie und auch der Jäger tun all dies zum Spaß an der Freude.

Sollten Sie die Frage hören ob jemals  überhaupt einer irgendwas gebraucht hatte, was nur für den Fall aufgehoben wurde, sagen sie einfach: Ja weil wegen der Mutzi, das hat sie jetzt davon, den blöden Wasserhahn.

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