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Der 11. April sind auch zwei Dinge

11. April 2010

Im ungarischen Wahlkampf ist nur eine Sache für alle heilig: Ab null Uhr am Vortag der Wahl ruhen die Waffen. Diese Regel wird von sämtlichen Parteien und Medien eingehalten. Keine Umfrage, keine Hochrechnung, keine Prognose. Kampagnenstille nennt sich das. Um 19 Uhr ist es vorbei, dann werden die Urnen geschlossen. Da ich auf gar keinen Fall verpassen möchte, welche Partei als erstes von Wahlbetrug spricht oder die Wähler für Vollidioten erklärt, läuft seit heute morgen ungarisches Fernsehen im Hintergrund. Ungarn verhält sich ruhig, das Fernsehen ist mit Lyrik geflutet, dass es eine Freude ist.

Als der Staatspräsident den Tag für die erste Wahlrunde festlegte, hatte er wahrscheinlich hauptsächlich versucht, einen Sonntag zu finden ausserhalb der Schulferien und noch vor Pfingsten. Vielleicht hatte er auch einen ganz perfiden Plan.
Fakt ist: Der 11. April ist in Ungarn der Tag der Dichtung. In Ungarn gibt es sowas. Am Geburtstag von József Attila (Nachname vor Vornamen) erhält die heilige Pflicht, Gedichte auswendig zu lernen, wieder Sinn. Als ich dreizehn Jahre alt war, musste ich 20 seiner Gedichte auswendig lernen, 10 waren Pflicht, für die Kür durfte man sich 10 frei aussuchen. Das heißt auch, 10 von 20 zwangsweise gelernten Gedichten machten es möglich, der Lehrerin die Röte ins Gesicht zu treiben. Widerstand durch Dichtung ist eine ungarische Tradition und, wie Ungarn, größtenteils harmlos. Es ist ein eher stupides Vehikel, die Auswendiglernerei, am 11. April freut man sich aber jedes mal wie ein Schneekönig, weil man alles, was im Fernsehen kommt, schon mal auswendig konnte und noch dazu ist es schön. Die 20 Gedichte würde ich noch zusammenkriegen, wenn man mich kurz mit der Werkausgabe alleine lässt. Damals früher, als ich noch jung war, konnte ich etwas weniger als die Hälfte derselben auswendig. Sowas passiert schon mal, wenn man ein Buch ganz oft hintereinander liest und das Zeug darin der Perfektion sehr, sehr nahe kommt.

Dieser fantastisch hohe Stellenwert von Lyrik hat Widerstandswurzeln. Die kommunistische Diktatur hatte den Dichterolymp nicht angefasst und das Rezitieren von Gedichten, harmlos wie es ist, wurde Teil eines filigranen  Codes. Die Generation meiner Lehrer bestand auf das Auswendiglernen unter anderem weil sie dachte, wir würden uns nicht mehr verstehen, sollten die Russen wiederkommen. Einmal im Jahr sind wir uns ganz fantastisch einig. Ausserdem gibt es auch noch Wahlen, die Beteiligung lässt mich Dinge vermuten. Noch 5 Minuten, dann darf ich auch sagen, was.

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