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Einmal Hybris und zurück

21. März 2010

Versucht die verwaltete Welt dem Waschbären zu vermitteln, er würde nichts gebacken kriegen, wird das Tier im Waschbär wach. Der Waschbär, einer eigenwilligen Logik folgend, beginnt zu backen. Damit es ein Abenteuer wird, aus dem er gestärkt, gleichsam als neuer Bär, zurückkehrt, musste es unbedingt ein Hefezopf sein, zum Zopf geflochten aus sechs Teilen. Warum? Haben Sie schon mal vor einem spektakulären Hefezopf gestanden oder einer dreistöckigen Baumkuchentorte oder vor dem Safrankuchen einer unbezwingbaren Freundin? Die Antwort auf die in Ehrfurcht gestammelte Frage, wie das denn ginge, beginnt stets mit: Oh, das ist ganz einfach…
Großmutter, wie viele andere vor und auch nach ihr,  verweigerte die Aussage elegant. Es hieß: Oh, das ist ganz einfach, da tust Du Mehl rein und Hefe und lässt es dann gehen, dann machst  du den Zopf und tust es in den Ofen bis er fertig ist. Alles klar. Wenn man einen Hefezopf macht, wird ein Hefezopf draus.

Das Abenteuer verspricht geheimes Wissen und ein neues, mit Ei bepinseltes und auf Hochglanz gebackenes Selbstbewusstsein. Das heißt auch: einen ganz neuen Stand im nächsten Duell gegen das Fräulein in der Universitätsverwaltung.

Hochmut kommt vor dem Fall

Hefeteig lässt einen nicht im Stich. Es sei denn, man macht einen Fehler.
Ein Rezept, das behauptet, es sollte ein ganzer Würfel Hefe in ca. 350 g Mehl, ist wie die Behauptung, der Heilige Gral wäre gleich da hinten um die Ecke im Gebüsch. Dieser Teig wird gehen, aber hallo, jedoch nur ein einziges Mal und nie wieder. Mein verhängnisvoller Fehler war, zu denken, der eigentlich schwierige  Teil wäre das Flechten, alles andere wär‘ ein Klacks. Der Heilige Gral will auch nicht von jemandem gefunden werden, der denkt, es wär‘ ein Klacks.

Das Ergebnis kann sich zwar sehen lassen, das war es aber auch.

Sehen Sie, was Sie nicht sehen?

Wir lernen: Abenteuerlust ist nicht gleich unnötiges Risiko. Schönheit kann tückisch sein: hier verbirgt sie nahezu ungenießbare Innereien. Der Zopf kam aus dem Ofen,  wie er  rein ging, nur härter. Ich hatte eine Waffe gebacken. Schön ist er ja, ich könnte ihn an die Wand hängen, vorausgesetzt, ich kriege einen Nagel durch.

Ein Zeichen weist den Weg

Obwohl die Sache gelaufen war, habe ich den Zopf angeschnitten, nur um zu sehen, wie schlimm es von innen aussieht. Nie und nimmer hätte ich da reingebissen. Hochmut, schon wieder.

Als ich etwas später in die Küche ging, lag da ein Stück angebissener Hefezopf. Der Ehemann, den ich gewarnt hatte, glaubte fester an den Hefezopf als ich und mit einer Hartnäckigkeit, für den man einen getrost vom Fleck weg heiraten kann, behauptete er, der Zopf wäre gar nicht so übel. Der Harte und der Hartnäckige haben einen zweiten Anlauf verdient, diesmal mit etwas mehr Demut vor dem Hefezopf.

Die Rückkehr zum rechten Weg wird belohnt

Für den Erfolg brauchen Sie das richtige Rezept. Sie müssen einen Meister finden. Ich fand ein Rezept bei der ungarischen Großmeisterin Fűszeres Eszter, die  jeden Freitag Mittag, den der Herr ihr schenkt, Hefezöpfe, genannt Challah, zubereitet. Doppelt so viel Mehl, halb so viel Hefe und der Hinweis, es sei so richtig anstrengend, machen das Rezept gralverdächtig. Wir kaufen uns also gleich am nächsten Tag neues Hefe und Mehl, warten anständig bis die Sonne untergeht und legen los. Wenn man einen Hefezopf backen will, legt man sich besser nicht mit Gott an. Sie sehen ja, was passiert, wenn man Freitag Nacht beschließt Challah zu backen.
Ganz im Gegensatz zu Fleckentfernung ist beim Hefeteig durchaus Magie im Spiel. Man kann nicht ermitteln, welche Teile des Rituals zwingend notwendig sind und welche nicht. Beugen Sie Ihr Haupt demütig vor der Tradition, vor der des Hefezopfs und ihrer eigenen parallel.  Arbeiten  Sie zur größeren Ehre des Hefezopfs und der Hefezopf wird seine Gnade über Sie ergießen.

  1. Arbeiten Sie streng nach Rezept. Sie wissen es nicht besser. Eines Tages, wenn Sie bereit sind und die Zeit reif,  werden Sie das Rezept verändern und erfolgreich sein. Vorerst gilt: Sie tun was das Rezept sagt. Wenn Omas Rezept Margarine sagt, nehmen Sie Margarine. Mein Rezept sagt eine halbe Tasse Öl, also packe ich ohne zu murren die halbe Tasse Öl in den Teig.
  2. Zutaten auf Zimmertemperatur. Eier und Hefe also raus aus dem Kühlschrank und warten.
  3. Kälte und Zugluft vermeiden. Küche ggf. heizen.
  4. Mehl durchsieben. Auch das Brett, auf dem Sie arbeiten, können Sie viel leichter mit Mehl bestäuben, wenn Sie mit einem Sieb arbeiten.
  5. Großmutter hat den Teig zum Gehen immer in ihren Sessel gesetzt und mit ihrem Schultertuch eingewickelt. Das eine Mal, als mein Hefeteig auf dem Tisch stand, ging er in die Hose. Sie ahnen es bereits, das ist pure Magie. Da fragt man nicht warum.  Hören Sie auf mich, die ich vom rechten Weg abgekommen und gerade so die Kurve gekratzt habe: es ist entweder das Gehorsam oder das Unglück. Ich werde gewiss keinen Hefeteig mehr auf den Tisch stellen. Bei mir geht der Teig im Sessel oder auf dem Stuhl und ein Schal muss dabei sein.
  6. Verlassen Sie niemals, niemals nie, das Haus während der Teig geht.

Jedes anständige Hefeteigrezept hat ein magisches Element. Der Stuhl und der Schal, das Eindrücken des Teigs an genau fünf Stellen oder das Schrei- und Brüllverbot  sind nicht vernünftig begründbar. Was den Hefeteig angeht, habe ich beschlossen zu glauben, was ich nicht verstehe.
Siehe da, der Gral kam zu mir.

Wie man aus sechs Strängen einen Zopf macht? Ach, das ist ganz einfach…

Der Hefegral, nicht unbedingt gerade, dafür innen fluffig.

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