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29 – Warum zur Hölle wurde dieses Buch verfilmt?

6. Dezember 2010

Da fällt mir einiges ein, wobei das Problem gar nicht ist, dass Bücher verfilmt werden, sondern dass sie miserabel verfilmt werden. Das hat sicher haufenweise Gründe, die mich nicht wirklich interessieren. Lebhaft aufregen über schlechte Verfilmungen kann ich mich sehr selten, da kenne ich Menschen, die kriegen halbe Anfälle. Ich für mein Teil kriege meine Anfälle lieber wegen anderen Dingen.
Die meisten, die Bücher lieben, werden immer behaupten, das Buch sei besser als der Film. Das ist nicht immer der Fall, habe ich gelernt. Zum Beispiel ist der Roman Hannibal von Thomas Harris (Schweigen der Lämmer, wissen schon)  um Längen schlechter als das Drehbuch für den gleichnamigen Film, der zwar nicht unbedingt ein Meisterwerk, doch immerhin gut erträglich ist.
Es ist sehr oft der Fall, dass man mit Büchern, die man mag, sehr viel mehr Freude hat, als mit Filmen, für die ebendieses Buch als Vorlage herhalten musste.

Was man dem Buch Die unendliche Geschichte von Michael Ende im Zuge seiner Verfilmung angetan hat, halte ich für ein Verbrechen. Das ist aber keine richtige Antwort auf diese Frage, denn warum man es unternommen hat, verstehe ich sehr gut. Warum man es versauen und obendrauf einen der miesesten Songs der Musikgeschichte in die Welt setzen musste, verstehe ich wiederum gar nicht. Ich verstehe sogar, warum man  das offensichtlich Unmögliche versucht und sich an Bücher wie Malina von Ingeborg Bachmann oder Die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek macht.

Da ich so voller Verständnis bin und ungewohnt milde, habe ich keine gute Antwort auf die „Warum zur Hölle“-Frage. Ich hätte aber das Buch zur Hölle und den Film zum Buch zur Hölle anzubieten:

Das Buch Sátántangó von, Sie ahnen es,  László Krasznahorkai wurde von Béla Tarr verfilmt. Warum? Weil er, und nur er, nur die beiden zusammen, aus einem Kunstwerk ein zweites, radikal anderes Kunstwerk machen können. Ein Film in dem das Unvermeidliche ganz langsam auf einen zukommt, damit man sich das Unvermeidliche auch ganz genau ansehen kann, so langsam, so genau, dass das heilige Gruseln über einen kommt. 450 Minuten heiliges Gruseln, davon gute acht ausschließlich Kühe. Es sind die wohl unvermeidlichsten Kühe der Filmgeschichte.

Als Beweis, dass das kein Zufall war, haben die beiden aus Melancholie des Widerstandes (Roman von László Krasznahorkai)  den Film Die werkmeisterschen Harmonien (Regie: Béla Tarr)  gemacht. Um einiges kürzer als Sátántangó, daher kann ich es mit reinem Gewissen empfehlen.

Bevor aber einer, der zu solchem Denken vielleicht geneigt ist, denkt, niemand würde sich sieben Stunden Sátántangó angucken: eines der schönsten Budapester Kellerkinos zeigte einmal pro Monat Sátántangó, es gab Aufpreis wegen der Überlänge und es wurden zwischendurch mit Fleischwurst belegte halbe Brötchen durch die Dunkelheit gereicht. Es guckt sich also sehr wohl einer an.


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