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Waschbär wahllos

4. April 2010

Wie anderes Getier auch, hat der Waschbär, Neozoon oder nicht, recht wenig Einfluss darauf, wo er zur Welt kommt. Der dem Waschbären eigene Wandertrieb wird ihm je nach Geburtsort mal mehr, mal weniger Übel genommen. Im kleinen und bezwingbaren Ungarn wird einem der Wandertrieb außerordentlich Übel genommen, vor allem dann, wenn man der Pflicht, eine der kanonisierten Ausreden zu verwenden, nicht nachkommt.
Ich Hirsch wagte es einmal auf einem Klassentreffen „ich lebe in Berlin“ zu sagen. Das Raunen kam aus allen Richtungen. Knapp dreißig Leute haben es verstanden ein Geräusch zu erzeugen, als würden die Gebeine der Ahnen vor Wut vibrieren im heiligen Boden unter mir. Ich sollte darin versinken, doch der Boden tat sich nicht auf. Für mich doch nicht.

Weitaus erschreckender aber durchaus möglich: Ich könnte mir das Ganze eingebildet haben. Demnach wäre das Raunen, damit das Urteil, in mir entstanden. Ungarn hatte sich unbemerkt und irreversibel eingenistet, wie ich es kenne, in meinem buschigen Schwanz. Das Implantat ist zwar nicht in der Lage in mein Blutkreislauf zu gelangen, für ein gespaltenes Bewusstsein reicht es allemal. Spätestens seit dem Raunen gibt es zwei Länder, die Ungarn heißen: eins, das ich liebe, und eins, das mich nicht mag. Die Parlamentswahlen finden in beiden Ländern gleichzeitig statt. Die erste Wahlrunde am 11. April, die zweite am 25. April. Das ungarische Wahlrecht schließt Waschbären nicht ausdrücklich aus. Faktisch schon. Ausgerechnet in dem Land, das die Angaben zu seiner Einwohnerzahl stets mit dem Hinweis auf die Ungarn im Ausland verbindet, ist das Wahlrecht an einen ständigen Wohnsitz im Land geknüpft. Und ich, naives Viech, habe es versäumt, mir mein Wahlrecht rechtzeitig zu erschleichen.

Der Wahlkampf ist in vollem Gange, es ist Ostern, Fidesz, das konservative Bündnis,  wird als sicherer Sieger gehandelt. Ganz großes Auferstehungspathos und große Versprechen das gelobte Land wieder zu dem zu machen, was es immer schon nicht war. Von Russland heißt es, an Russland kann man nichts als glauben.
Für Ungarn gilt: man muss dran glauben, so oder so.

Der Wahlsieg von Fidesz ist sicher, da sein natürlicher Feind sich selbst ins Knie geschossen hat. Und zwar dermaßen fatal ins Knie geschossen, dass in den Umfragen die hinkenden Sozialisten und Jobbik (rechtsradikales, bewaffnetes Pack) schön langsam gleichziehen. Das Ungarn, das mich nicht mag, wird sich blamieren, wie noch nie.

Die Frage ist nur noch wie sehr. Das wird sich in den vierzehn Tagen zwischen den Wahlrunden entscheiden, weil in dieser Zeit die Parteien die Möglichkeit haben, Kandidaten zurückzuziehen zugunsten anderer. Fidesz  will die Zweidrittelmehrheit um im Alleingang die Verfassung ändern zu können und spielt ein sehr gefährliches Spiel. Sie werden die Zweidrittelmehrheit  nicht bekommen. Dann werden sie sich holen, was sie nicht bekommen haben. Der Schulterschluss mit dem Pack ist zu erwarten, im schlimmsten Fall bereits vor der zweiten Wahlrunde.

Das Ungarn, das ich liebe, könnte die Blamage abwenden, dazu müsste es einfach nur taktisch links wählen. Angst genug hat es inzwischen.  Sogar die Gebeine der Ahnen könnten konstruktiv in das Geschehen eingreifen. Dafür gibt es einen Präzedenzfall: Der Hunnenfürst Csaba,  Sohn Attilas aus erster Ehe, den Aladár, der gemeinsame Sohn von Kriemhild (siehe: Nibelungenlied) und Attila, samt Heer bis nach Griechenland gejagt hatte, ist schon mal samt Heer von den Toten auferstanden um seinem Volk aus der Patsche zu helfen.

Das wär‘ doch mal was. Csaba der Hunnenfürst blickt  auf das kleine und bezwingbare Land seiner Erben. Sein rotgoldenes Auge blitzt auf und er muss kurzerhand feststellen, das er die  Freiheit noch mehr liebt als den Krieg. Ein letztes Mal reitet der Hunnenfürst  die Straße der Heere hinunter und wählt taktisch links. Samt Heer, versteht sich.

Zu Ihrer Information:  Die Straße der Heere ist Ihnen wahrscheinlich als „Milchstraße“ bekannt. Jetzt, wo Sie nun ausreichend aufgeklärt sind, können Sie unschwer feststellen: Die Milchstraße war auch mal Ungarn.

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