20 – Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast

Meine Schulzeit war eine ungarische Schulzeit. Das waren 12 Jahre bis zum Abitur, ab dem 5. Jahr gab es Leselisten für den Sommer mitsamt der Aufgabe Lektüretagebuch zu schreiben. Als Beweismittel. Lektüretagebuch verschwand erst im Gymnasium, d.h. ab der 9. Klasse aus meinem Leben. Die Lektürelisten blieben Pflicht und wurden um die Wahlpflicht ergänzt. Sie können mir glauben, nach alledem geht ein Germanistikstudium runter wie Öl.

Denn von den Ausmaßen ungarischer Pflichtlektürelisten habt ihr, jämmerlichen deutschen Landratten, nicht einmal verschwommene Ahnungen. Unter zehn Stück ging da nichts. Und das war erst das Prosa. Sobald Lyrik auf dem Speiseplan stand, hieß es 10 Gedichte pro Dichter auswendig lernen und als man dachte, es könne nicht schlimmer werden, lernte man einen Hamletmonolog, eine Runde Faust oder komplette Gesänge aus wahlweise (immerhin!) Ilias oder Odyssee auswendig. Nicht ohne zu murren, aber man tat es. Mittlerweile hat man die Leselisten etwas gekürzt und ihren Inhalt der Genfer Konvention angepasst.
Meine Lektüreliste, damals früher, im real existierenden Postkommunismus, in dem man im Murren nur begrenzt Sinn sah, dafür besonders viel Sinn in Gehorsam,  beinhaltete abenteuerlichstes Zeug. Dazu muss man wissen, dass man in Ungarn Literaturunterricht in chronologischer Reihenfolge plant. Man versucht einen etwas gewöhnungsbedürftigen Kanon durchzupeitschen bis am Ende, ca. auf der Höhe von Thomas Mann allen  endgültig die Puste ausgeht. Demzufolge kommt das unbefleckte Hirn auch nicht so schnell mit Nachkriegsliteratur in Berührung. Durch die Überlastung des natürlichen Lektürebedarfs von Kindern und Jugendlichen ist gewährleistet, dass das unbefleckte Hirn mit nichts in Berührung kommt, das nicht auf der bereits für erbaulich befundenen Lektüreliste stand.

Ich hatte von Anfang an Schwein. Wenn ich ehrlich bin, waren es zwei Schweine. Schwein eins: Mir wurde das Lesen mit einer damals noch experimentellen sog. Zsolnay-Methode beigebracht, die Kindern einfach unterstellt hat, Lesen zu wollen und die Abteilung „Spielerisch heranführen“ übersprang. Wir lernten die Buchstaben nicht schön langsam eins nach dem anderen, sondern in sinnigen Blöcken, so, dass sofort etwas mit ihnen anzufangen war. Dazu kam, dass wir alle zehn Bände des Zsolnay-Programms sofort in die Hände bekamen. Man lernte schneller lesen, als man gucken konnte und hatte sofort passende Lesebücher in der Hand, die so gut gemacht waren, dass man erst zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt Lesen und Frustration in Zusammenhang brachte.
Schwein zwei: ich kann mir extrem gut Text merken. Nicht über große Zeiträume, dafür sehr präzise – für das Auswendiglernen von Gedichten ein Segen. Also wieder keine Frust. Vermutlich dank des Zsolnay-Programms konnte ich, als es ernst wurde weil der Literaturunterricht beim Roman des 19. Jahrhunderts ankam, bereits so schnell lesen, dass auch die Mengen einigermaßen frustfrei zu bewältigen waren. Daher ist mir ziemlich viel in guter Erinnerung geblieben.

Wenn ich eins aussuchen muss, ist es seltsamerweise ein Buch, von dem ich nicht mehr genau weiß, ob es Pflicht oder Wahl oder Wahlpflicht war. Ich glaube, es kam im Unterricht nicht mehr dran, auf der Liste war es aber noch drauf. Da geht mir gerade eben ein Licht auf: Es gab ein drittes Schwein. Ich fand Literaturunterricht auch deshalb so toll, weil ich ab der zweiten Hälfte der 11. Klasse davon befreit war.

Jetzt aber, das Buch also, das eine, das bis heute Pflichtlektüre auf ungarischen Gymnasien ist und mir teuer wie kein anderes: Iskola a határon (Die Schule an der Grenze) von Géza Ottlik. Die deutsche Übersetzung ist auch gut, ich finde gerade meine gute alte DDR-Ausgabe nirgendwo, vielleicht habe ich es verliehen, daher weiß ich nicht, ob die Ausgabe in der Anderen Bibliothek dieselbe Übersetzung ist oder nicht, wahrscheinlich schon.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: