17 – Augen zu und irgendein Buch aus dem Regal nehmen

Wenn ich dazu nicht aufstehe, lande ich bei: Warum Denken traurig macht von George Steiner. Dieses Buch habe ich mir zugelegt, weil es in einem Artikel (vermutlich FAZ) hoch gelobt wurde. Noch dazu meinte ein Stammgast, das sei ein richtig schlaues Buch, damals früher, in der Kneipe, in der die Mutzi nach Feierabend die FAZ las.

Nun, ich habe es nicht wirklich schlau finden können. Es hatte aber auch sein Gutes, weil ich jetzt besser verstehe, warum und folglich die Finger von Georg Steiner lasse. Ob man dieses Buch gut findet, wird eine Frage des Geschmacks bleiben, über den wir uns auf gar keinen Fall streiten. Ob man es schlau findet, hängt davon ab, ob man Erkenntnis bevorzugt auf analytischen oder eher assoziativen Wegen abholt. Und ich meine nicht, dass Leute und das Denken dieser Leute in zwei Schubladen sauber unterzubringen sind. Ich meine aber sehr wohl, dass Leute bestimmte Pfade bevorzugen, wenn sie denken. Ich habe mir sogar das Vorurteil abgewöhnt, assoziatives für von vornherein ungenau und faul zu halten. Es handelt sich tatsächlich um Talent, das man haben kann oder nicht. Na, ich habe keins für Steiner. Mir erscheint eine Reihe von Sachverhalten, Zitaten, Stimmungen anderer Leute und humorvollen Anmerkungen einfach nur beliebig. Anderen wird das alles eine Offenbarung von zwingender Logik sein.

Zum Beispiel: Dass Sokrates in der Abenddämmerung gesungen haben soll (vgl. S.37), sagt mir garnichts. Es ist gut möglich, dass Wittgenstein ebenfalls in der Abenddämmerung zu singen pflegte – aber genau dieser Gedanke ist es, den man erst gar nicht denken sollte, wenn man das Buch genießen will. Genau dieser Gedanke outet einen als unverbesserlichen Chorintenkacker, der den Textfluss nicht zu schätzen weiß.

Und dann gibt es noch die eine Sache, die die Mutzi schon immer fuchst:  Wenn einer sich dranmacht, im Namen der Moderne, der Dekonstruktion oder gar der Sprache selbst, feierlich zu erklären, dass die Sprache einen Anspruch hat, frei zu sein von der Herrschaft der Referenz und der Vernunft (ebd.), dann frage ich mich immer, warum einer meint, die Sprache hätte es nötig, dass einer das feierlich erklärt.

Sollte es Ihnen gelingen, sich vom Textfluss sanft wiegen zu lassen anstatt ihn zu unterbrechen, können Sie sich von Herrn Steiner in die intellektuellste aller Melancholien lullen lassen. Das muss nicht unbedingt sein, schaden wird es aber auch keinem.

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