Waschbär wahllos

Wie anderes Getier auch, hat der Waschbär, Neozoon oder nicht, recht wenig Einfluss darauf, wo er zur Welt kommt. Der dem Waschbären eigene Wandertrieb wird ihm je nach Geburtsort mal mehr, mal weniger Übel genommen. Im kleinen und bezwingbaren Ungarn wird einem der Wandertrieb außerordentlich Übel genommen, vor allem dann, wenn man der Pflicht, eine der kanonisierten Ausreden zu verwenden, nicht nachkommt.
Ich Hirsch wagte es einmal auf einem Klassentreffen „ich lebe in Berlin“ zu sagen. Das Raunen kam aus allen Richtungen. Knapp dreißig Leute haben es verstanden ein Geräusch zu erzeugen, als würden die Gebeine der Ahnen vor Wut vibrieren im heiligen Boden unter mir. Ich sollte darin versinken, doch der Boden tat sich nicht auf. Für mich doch nicht.

Weitaus erschreckender aber durchaus möglich: Ich könnte mir das Ganze eingebildet haben. Demnach wäre das Raunen, damit das Urteil, in mir entstanden. Ungarn hatte sich unbemerkt und irreversibel eingenistet, wie ich es kenne, in meinem buschigen Schwanz. Das Implantat ist zwar nicht in der Lage in mein Blutkreislauf zu gelangen, für ein gespaltenes Bewusstsein reicht es allemal. Spätestens seit dem Raunen gibt es zwei Länder, die Ungarn heißen: eins, das ich liebe, und eins, das mich nicht mag. Die Parlamentswahlen finden in beiden Ländern gleichzeitig statt. Die erste Wahlrunde am 11. April, die zweite am 25. April. Das ungarische Wahlrecht schließt Waschbären nicht ausdrücklich aus. Faktisch schon. Ausgerechnet in dem Land, das die Angaben zu seiner Einwohnerzahl stets mit dem Hinweis auf die Ungarn im Ausland verbindet, ist das Wahlrecht an einen ständigen Wohnsitz im Land geknüpft. Und ich, naives Viech, habe es versäumt, mir mein Wahlrecht rechtzeitig zu erschleichen.

Der Wahlkampf ist in vollem Gange, es ist Ostern, Fidesz, das konservative Bündnis,  wird als sicherer Sieger gehandelt. Ganz großes Auferstehungspathos und große Versprechen das gelobte Land wieder zu dem zu machen, was es immer schon nicht war. Von Russland heißt es, an Russland kann man nichts als glauben.
Für Ungarn gilt: man muss dran glauben, so oder so.

Der Wahlsieg von Fidesz ist sicher, da sein natürlicher Feind sich selbst ins Knie geschossen hat. Und zwar dermaßen fatal ins Knie geschossen, dass in den Umfragen die hinkenden Sozialisten und Jobbik (rechtsradikales, bewaffnetes Pack) schön langsam gleichziehen. Das Ungarn, das mich nicht mag, wird sich blamieren, wie noch nie.

Die Frage ist nur noch wie sehr. Das wird sich in den vierzehn Tagen zwischen den Wahlrunden entscheiden, weil in dieser Zeit die Parteien die Möglichkeit haben, Kandidaten zurückzuziehen zugunsten anderer. Fidesz  will die Zweidrittelmehrheit um im Alleingang die Verfassung ändern zu können und spielt ein sehr gefährliches Spiel. Sie werden die Zweidrittelmehrheit  nicht bekommen. Dann werden sie sich holen, was sie nicht bekommen haben. Der Schulterschluss mit dem Pack ist zu erwarten, im schlimmsten Fall bereits vor der zweiten Wahlrunde.

Das Ungarn, das ich liebe, könnte die Blamage abwenden, dazu müsste es einfach nur taktisch links wählen. Angst genug hat es inzwischen.  Sogar die Gebeine der Ahnen könnten konstruktiv in das Geschehen eingreifen. Dafür gibt es einen Präzedenzfall: Der Hunnenfürst Csaba,  Sohn Attilas aus erster Ehe, den Aladár, der gemeinsame Sohn von Kriemhild (siehe: Nibelungenlied) und Attila, samt Heer bis nach Griechenland gejagt hatte, ist schon mal samt Heer von den Toten auferstanden um seinem Volk aus der Patsche zu helfen.

Das wär‘ doch mal was. Csaba der Hunnenfürst blickt  auf das kleine und bezwingbare Land seiner Erben. Sein rotgoldenes Auge blitzt auf und er muss kurzerhand feststellen, das er die  Freiheit noch mehr liebt als den Krieg. Ein letztes Mal reitet der Hunnenfürst  die Straße der Heere hinunter und wählt taktisch links. Samt Heer, versteht sich.

Zu Ihrer Information:  Die Straße der Heere ist Ihnen wahrscheinlich als „Milchstraße“ bekannt. Jetzt, wo Sie nun ausreichend aufgeklärt sind, können Sie unschwer feststellen: Die Milchstraße war auch mal Ungarn.

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13 Antworten to “Waschbär wahllos”

  1. lokalreporter Says:

    ganz wunderbare ein-sichten!

    und war nicht – neben milchstrasse und nibelungenlied – einst auch das nicht nur von ungarn so geliebte österreich ungarn?
    das sentimentale und das nachtragende, die fleischliche gläubigkeit und das geknechtet blut. der mythos vom unbesiegbaren alleinherrscher und die abergläubische macht verklärender monstranz .. ungarn ist überall, und solange sich erwachsene ex-mittschüler durch ein proklamiertes lebensgeständnis eines ihresgleichen waschbärmädchens zu erdöffnenden tönen ermutigt fühlen, solange regiert in europa nicht die von zeus verführte europa, sondern der geist des hunnischen feldzüglers attila, in den universen der von zweidrittelmehrheit und csárdásfürsten träumenden gemütern ..

  2. Mutzi H. Europa Says:

    Ja, da war was. Es war einmal die Donaumonarchie, das Haus Österreich. Ein Vielvölkerstaat westlich der Leitha, das sein größtes Problem mit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich 1867 gelöst hatte. Östlich der Leitha begann die Katastrophe. Kurz darauf brannte das Haus. Ungarn besteht bis heute darauf, das Feuer nicht gelegt zu haben.
    Neben der Legende vom geknechtet Blut, demnach eine ungerechte Übermacht (siehe: Österreich) an allem Schuld ist, weshalb wir alle gute Gründe haben fürchterlich beleidigt zu sein, existiert eine zweite. Die Legende von einem Volk, das man nicht knechten kann, das für Freiheit stirbt und nicht für Macht. Die Legenden bedingen sich, man kann die eine nicht ohne die andere Impfen, und das wird sie, geimpft, mindestens zwölf Jahre Schulpflicht lang. Merkwürdige Mischung das, beleidigt zu sein wenn man gar nicht beleidigt werden kann.

  3. lokalreporter Says:

    wären nur alle menschen im donauraum von so wunderbarer klugheit besselte wesen wie du, liebe mutzi, die politik könnte niemanden mehr mit legenden, macht und versprechungen ködern.
    vergangenes wäre vergangen, einsatz, zuversicht und betrachtungsfreude würden einkehren, das glück würde sich dazugesellen, alle wären in the power of now zuhause und könnten endlich anfangen autonom zu leben – es gäbe keinen grund auf niemanden und nichts beleidigt zu sein .. ein leben wäre das.

  4. Mutzi H. Europa Says:

    Ich habe es leicht, ich bin ja nicht da. Das macht meine Wut insgesamt sehr bequäm und halb so klug.
    Vergangenes hat eine starke und löbliche Tendenz, nicht vollständig zu vergehen. Es geht über in Legende, Wissen und eine Kultur, in ein Erbe, das man nicht ausschlagen kann.
    Mit dem power of now habe ich so meine Probleme. Sicher ist alles wunderbar, wenn alle gleichzeitig furchtbar glücklich sind. Wenn ich etwas erzwingen möchte, worauf ich kein Einfluss habe, ziehe ich das gute alte Beten vor.

    Ihre Gebete für Ungarn richten Sie bitte an die Mutter Gottes, es ist schließlich das Kronland Mariä.

  5. lokalreporter Says:

    the power of now ein ständig vorsichhingrinsender dauerlächler? eine verklärend gekleidete post-hippie-idiologie? nein. vielmehr eine auf vernunft und metaphysik [integrale spiritualität] basierende ich-haltung, weder missionierend noch ich-bin-besser-als-du-dogmatisch .. die jetzt-sicht ist ganz banale bewußtseinsarbeit die die frage nach dem lebenssinn mit der immanenten entwicklung der seele beantwortet.

    dem gebetswunsch für ungarn an die mutter gottes muss ich leider abschlagen, schließlich ist es der glaube, der die menschen trennt und gefangen hält .. und das ist eben alles andere als the power of now :-))

  6. Mutzi H. Europa Says:

    Ich will dem Ding nichts unterstellen. Mit Haltung kann ich etwas anfangen. Unter Vorbehalt auch mit der Bewußstseinsarbeit. Sehe Probleme auf der Zeitachse und bei der Kommunizierbarkeit des Ganzen. Kann aber auch nicht behaupten, ein Konzept zu haben, das nicht auch irgendwo seine Grenzen hat.

  7. lokalreporter Says:

    bewußtseinsarbeit ist ein förderliches grenzerweiterungstraining, wie lernen und hingabe .. manchmal reicht ein satz, um die achse zwischen gestern und heute aus dem lot zu bringen. das ende m/einer welt.

    • Mutzi H. Europa Says:

      Ich fange an, zumindest Teile davon zu verstehen. Möglicherweise ist es nur das Vokabular, an das ich mich nicht gewöhnen kann. Muss gestehen einer Art Reflex anheimgefallen zu sein.

      • lokalreporter Says:

        vielleicht ist das verstehen ja an einen inneren abwehrreflex gebunden und mag sich nicht recht lösen? oder es versucht etwas zu finden, wo es nichts zu suchen gibt, weil alles bereits gesagt ist?
        vielleicht ist es aber auch einfach nur wirr und unstrukturiert .. tja, auch dieses ist möglich 😉

  8. joulupukki Says:

    Na, ich drück jedenfalls alle 10 Zehlein, dass auch dieser Kelch an unseren lieben Nachbarn vorübergehen möge. An uns mögen sie sich dabei aber nicht unbedingt ein Beispiel nehmen. Da rennen auch genug von den Deppen rum.

    • Mutzi H. Europa Says:

      Deppen? Im neutralen Österreich? Ist es denn die Möglichkeit..
      Mir sind die ungarischen Deppen mehr als genug, vielleicht machen sie sich mal zusammen mit den österreichischen und tun sich in ein Reservat und machen Operetten-AGs.

  9. oachkatz Says:

    Ich habe gehört wir würden gewisse entgeistigte Zonen in der Nähe Berlins zur Verfügung stellen. Für die Operetten-AGs meine ich. Vielleicht gibts doch mehr geliebtes Ungarn als befürchtet?

    • Mutzi H. Europa Says:

      Ich habe grandiose Visionen von einer Marika-Rökk-Zone mitten in der Uckermark, halte es dennoch für unverantwortlich. Ausserdem ist ja bereits in Ungarn ein ordentliches Stück Steppe, wo man das hervorragend machen könnte.

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