Einmal Hybris und zurück

Versucht die verwaltete Welt dem Waschbären zu vermitteln, er würde nichts gebacken kriegen, wird das Tier im Waschbär wach. Der Waschbär, einer eigenwilligen Logik folgend, beginnt zu backen. Damit es ein Abenteuer wird, aus dem er gestärkt, gleichsam als neuer Bär, zurückkehrt, musste es unbedingt ein Hefezopf sein, zum Zopf geflochten aus sechs Teilen. Warum? Haben Sie schon mal vor einem spektakulären Hefezopf gestanden oder einer dreistöckigen Baumkuchentorte oder vor dem Safrankuchen einer unbezwingbaren Freundin? Die Antwort auf die in Ehrfurcht gestammelte Frage, wie das denn ginge, beginnt stets mit: Oh, das ist ganz einfach…
Großmutter, wie viele andere vor und auch nach ihr,  verweigerte die Aussage elegant. Es hieß: Oh, das ist ganz einfach, da tust Du Mehl rein und Hefe und lässt es dann gehen, dann machst  du den Zopf und tust es in den Ofen bis er fertig ist. Alles klar. Wenn man einen Hefezopf macht, wird ein Hefezopf draus.

Das Abenteuer verspricht geheimes Wissen und ein neues, mit Ei bepinseltes und auf Hochglanz gebackenes Selbstbewusstsein. Das heißt auch: einen ganz neuen Stand im nächsten Duell gegen das Fräulein in der Universitätsverwaltung.

Hochmut kommt vor dem Fall

Hefeteig lässt einen nicht im Stich. Es sei denn, man macht einen Fehler.
Ein Rezept, das behauptet, es sollte ein ganzer Würfel Hefe in ca. 350 g Mehl, ist wie die Behauptung, der Heilige Gral wäre gleich da hinten um die Ecke im Gebüsch. Dieser Teig wird gehen, aber hallo, jedoch nur ein einziges Mal und nie wieder. Mein verhängnisvoller Fehler war, zu denken, der eigentlich schwierige  Teil wäre das Flechten, alles andere wär‘ ein Klacks. Der Heilige Gral will auch nicht von jemandem gefunden werden, der denkt, es wär‘ ein Klacks.

Das Ergebnis kann sich zwar sehen lassen, das war es aber auch.

Sehen Sie, was Sie nicht sehen?

Wir lernen: Abenteuerlust ist nicht gleich unnötiges Risiko. Schönheit kann tückisch sein: hier verbirgt sie nahezu ungenießbare Innereien. Der Zopf kam aus dem Ofen,  wie er  rein ging, nur härter. Ich hatte eine Waffe gebacken. Schön ist er ja, ich könnte ihn an die Wand hängen, vorausgesetzt, ich kriege einen Nagel durch.

Ein Zeichen weist den Weg

Obwohl die Sache gelaufen war, habe ich den Zopf angeschnitten, nur um zu sehen, wie schlimm es von innen aussieht. Nie und nimmer hätte ich da reingebissen. Hochmut, schon wieder.

Als ich etwas später in die Küche ging, lag da ein Stück angebissener Hefezopf. Der Ehemann, den ich gewarnt hatte, glaubte fester an den Hefezopf als ich und mit einer Hartnäckigkeit, für den man einen getrost vom Fleck weg heiraten kann, behauptete er, der Zopf wäre gar nicht so übel. Der Harte und der Hartnäckige haben einen zweiten Anlauf verdient, diesmal mit etwas mehr Demut vor dem Hefezopf.

Die Rückkehr zum rechten Weg wird belohnt

Für den Erfolg brauchen Sie das richtige Rezept. Sie müssen einen Meister finden. Ich fand ein Rezept bei der ungarischen Großmeisterin Fűszeres Eszter, die  jeden Freitag Mittag, den der Herr ihr schenkt, Hefezöpfe, genannt Challah, zubereitet. Doppelt so viel Mehl, halb so viel Hefe und der Hinweis, es sei so richtig anstrengend, machen das Rezept gralverdächtig. Wir kaufen uns also gleich am nächsten Tag neues Hefe und Mehl, warten anständig bis die Sonne untergeht und legen los. Wenn man einen Hefezopf backen will, legt man sich besser nicht mit Gott an. Sie sehen ja, was passiert, wenn man Freitag Nacht beschließt Challah zu backen.
Ganz im Gegensatz zu Fleckentfernung ist beim Hefeteig durchaus Magie im Spiel. Man kann nicht ermitteln, welche Teile des Rituals zwingend notwendig sind und welche nicht. Beugen Sie Ihr Haupt demütig vor der Tradition, vor der des Hefezopfs und ihrer eigenen parallel.  Arbeiten  Sie zur größeren Ehre des Hefezopfs und der Hefezopf wird seine Gnade über Sie ergießen.

  1. Arbeiten Sie streng nach Rezept. Sie wissen es nicht besser. Eines Tages, wenn Sie bereit sind und die Zeit reif,  werden Sie das Rezept verändern und erfolgreich sein. Vorerst gilt: Sie tun was das Rezept sagt. Wenn Omas Rezept Margarine sagt, nehmen Sie Margarine. Mein Rezept sagt eine halbe Tasse Öl, also packe ich ohne zu murren die halbe Tasse Öl in den Teig.
  2. Zutaten auf Zimmertemperatur. Eier und Hefe also raus aus dem Kühlschrank und warten.
  3. Kälte und Zugluft vermeiden. Küche ggf. heizen.
  4. Mehl durchsieben. Auch das Brett, auf dem Sie arbeiten, können Sie viel leichter mit Mehl bestäuben, wenn Sie mit einem Sieb arbeiten.
  5. Großmutter hat den Teig zum Gehen immer in ihren Sessel gesetzt und mit ihrem Schultertuch eingewickelt. Das eine Mal, als mein Hefeteig auf dem Tisch stand, ging er in die Hose. Sie ahnen es bereits, das ist pure Magie. Da fragt man nicht warum.  Hören Sie auf mich, die ich vom rechten Weg abgekommen und gerade so die Kurve gekratzt habe: es ist entweder das Gehorsam oder das Unglück. Ich werde gewiss keinen Hefeteig mehr auf den Tisch stellen. Bei mir geht der Teig im Sessel oder auf dem Stuhl und ein Schal muss dabei sein.
  6. Verlassen Sie niemals, niemals nie, das Haus während der Teig geht.

Jedes anständige Hefeteigrezept hat ein magisches Element. Der Stuhl und der Schal, das Eindrücken des Teigs an genau fünf Stellen oder das Schrei- und Brüllverbot  sind nicht vernünftig begründbar. Was den Hefeteig angeht, habe ich beschlossen zu glauben, was ich nicht verstehe.
Siehe da, der Gral kam zu mir.

Wie man aus sechs Strängen einen Zopf macht? Ach, das ist ganz einfach…

Der Hefegral, nicht unbedingt gerade, dafür innen fluffig.

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14 Antworten to “Einmal Hybris und zurück”

  1. lokalreporter Says:

    das ist so schön, du musst bücher schreiben, den buchmarkt erobern!

    • Mutzi H. Europa Says:

      Das ist lieb, vielen Dank. Bitte beachten Sie, dass ich garnix muss. Auch der Buchmarkt muss garnix. Garnicht so einfach das alles.

      • lokalreporter Says:

        sie haben natürlich recht. aus gründen der konjunktivität muss ich dir aber sagen, erwähnte erwägung bezieht sich aus einem nächtlichen gedanken des zusammenseins mit einem herrn, der einst bei einem berühmten cuisinier koch lernte, irgendwann anfing zu schreiben, seinem nachnamen ein suffix anhängte und in absehbarer zeit reich werden wird – berühmt ist er nämlich schon, in der szene der dionysosistenInnen .. und bedenken sie: sartre und de beauvoir waren regelmäßige gäste des café de flore, eine zugegeben etwas anakoluthe idee, aber nun ..

  2. joulupukki Says:

    Ich dachte immer der Zauber liegt im ewigen und nimmer aufhören wollenden Kneten? (sagt die, die nicht mal ein Backrohr daheim hat…)

    • Mutzi H. Europa Says:

      Es gibt ganz viele Zauber. Kneten ist auch einer. Wenn die Arme anfangen zu schmerzen, hat man es halb geschafft. Der nächste Zauber liegt in der immer unbestimmten Menge Mehl, die von dem bemehlten Brett in den Teig gelangt. Deshalb packt man den Teig, wenn er weich bleiben soll auf das Brett, sobald es sich von der Schüssel abhebt. Dann klebt er noch, dann mehlt man ihn, dann klebt er wieder und so fort. Man kann ihn auch totkneten, glaube ich.

      Dinge ohne Backrohr gebacken kriegen ist aber die eigentliche Zauberkunst.

  3. hotzenplotz Says:

    Projektergebnis N°1 eignet sich möglicherweise als Reflexzonenroller für die langen Stunden am Bildschirm, gut gegen Durchblutungsstörungen und aufkommenden Missmut.

    Ja, backen mit Hefe ist Magie, Religion oder Aberglauben und folgt uralten, mir etwas schleierhaften Gesetzen. Improvisation und Eigenwilligkeit sind hier ausnahmsweise vollkommen fehl am Platze, auch wenn´s schwer fehlt.

    Ein interessantes Thema zur Fortführung der Hefestudien und gerade aktuell ist „La Colomba“, die Ostervariante des Panettone. Geht dreimal jeweils acht Stunden, was eine exakte Planung des sonstigen Tagesablaufs voraussetzt. Verzeiht keine Abweichungen, ansonsten aber ganz einfach zu handhaben.

    • Mutzi H. Europa Says:

      „ansonsten aber ganz einfach zu handhaben“ GENAU das meine ich. Man tut rein, was reinmuss, lässt es gehen und backt es fertig, nehme ich an..

      • Mutzi H. Europa Says:

        Bis jetzt habe ich es ausgehalten. Mein Wille bricht.

        Ich möchte das Rezept. Bitte.

      • hotzenplotz Says:

        47 Minuten. Nicht schlecht.
        Tut mir leid, dass ich mich erst jetzt melde, war die letzte Woche weg und ohne Netz.
        Noch mehr leid tut mir, dass ich das Rezept nicht habe. Tullio, der Konditor, mit dem ich zusammengearbeitet habe, hat mich zwar ein paar Dinge sehen lassen, blöderweise aber nichts, was man zu einem vernünftigen Vorgehen bräuchte: Mengenangaben.

        Die von mir gefundenen Rezepte für Panettone geben allesamt übliche Hefe-Gehzeiten vor. Ich weiß aber sicher, dass Tullio spätabends extra von Murano zur Giudecca zurückgefahren ist, nur um den Teig weiter zu kneten. Nach genau 24 Stunden gingen die Dinger in den Ofen um dann sehr köstlich wieder heraus zu kommen.
        Falls ich noch Genaueres erfahre meld ich mich, versprochen!

      • Mutzi H. Europa Says:

        Inzwischen habe ich das Gefühl, es ist besser so. Wahrscheinlich klappt das Ganze nur in Giudecca, wo man das Haus verlassen kann, solange der Teig geht, jedoch ausschießlich um nach Murano zu fahren.

  4. kormoranflug Says:

    Das Flechten des RezepthefeZopfs ist Dir toll gelungen.

  5. richensa Says:

    Toll sieht er aus, der sechssträngige Zopf, mal schauen, ob ich heute abend noch Lust habe, dieses scheinbar so leichte Flechten nachzumachen.
    Bei mir ist der Osterzopf nie über drei Stränge hinausgekommen, gut war er dennoch. Es hat nur ein paar Kilo Mehl gedauert, bis ich des Hefeteigs Zauber etwas enträtselt hatte.

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